Naturschutzgebiet „Wallnau/Fehmarn“

Sandregenpfeifer

Das 1977 ausgewiesene Naturschutzgebiet „Wallnau“ zählt zu den wertvollsten und interessantesten Gebieten an der schleswig-holsteinischen Ostseeküste. Aufgrund der Lage an der Vogelzugroute sowie dem Mosaik unterschiedlicher Lebensräume wie Teiche, Schilfröh­richte, Feuchtwiesen, Strandwälle und kleineren Gehölzen hat das Gebiet eine herausragende Bedeutung als Rast- und Brutgebiet. Seit Ankauf des ehemaligen Teichgutes für den Naturschutz (1975) ist durch den verdienstvollen Einsatz des NABU (Naturschutzbund Deutschland e.V.) ein international bedeutsames Was­servogelreservat entstanden. Das Gebiet ist Bestandteil des Europäischen ökologischen Netzes „NATURA 2000“ (FFH-Gebiet und Vogelschutzgebiet).

Entstehung

Schwimmende Löfffelente

Vor ca. 13.000 Jahren kurz vor dem Ende der Weichsel-Eiszeit glättete ein letzter Gletschervorstoß die Landschaft des heutigen Fehmarns und hinterließ eine geringmächtige, nach Westen abfallende Grundmoränenplatte. Etwa 10.000 Jahre vor der heutigen Zeit hat­ten sich die Gletscher vollständig nach Skandinavien zurückgezogen. Es dau­erte aber noch 5.000 Jahre bis der Wasserspiegel in der Ostsee sich dem heutigen Niveau bis auf 3 m genähert hatte, Teile der Grundmoränenplatte überflutet waren und gestaltende Kräf­te von Wellen und Strömungen die Kü­ste Fehmarns umzuformen begannen. Das heutige Wallnau war noch vor ca. 700 Jahren eine Meeresbucht. Unter dem Einfluss einer Nord-Süd gerichteten Küstenlängsströmung entstand westlich Bojendorf ein Strandhaken. Um 1700 hatte der zur Nehrung entwickelte Sandhaken die Moräneninsel Flügge erreicht. Das flache Haff („Kopendorfer See“) war jetzt fast vollständig von der Ostsee abgeriegelt. Im Südwesten wächst der „Krummsteert“ (siehe Band 2, Seite 92) auch heute noch weiter. Dies ist ein Beispiel für die Bil­dung einer Ausgleichsküste, wie sie für die gesamte Ostsee typisch ist. Gustav Kröhnke, der Begründer Wallnaus, begann ab 1866 den „Kopen­dorfer See“ trockenzulegen, um hier Landwirtschaft zu betreiben. Um 1900 begann der Aufbau des Teichgutes Wallnau: Dämme wurden errichtet und Teiche unter Wasser gesetzt.

Vogelparadies Wallnau

Graugans

Durch die geografische Lage an der Vogelzugroute nach Skandinavien verbunden mit der besonderen Vielfalt an Lebensräumen ist das Wasservogelreservat Wallnau ein Paradies für Zugvögel. Über das Jahr verteilt findet sich an der West-und Nordküste Fehmarns fast die Hälfte aller europäischen Vogelarten ein, um hier zu rasten, zu brüten, zu mausern oder Nahrung zu suchen. Heute brü­ten in Wallnau regelmäßig über 60 Brutvogelarten. Zu den charakteristischen Brutvögeln im Schutzgebiet gehö­ren insbesondere Graugans und Säbelschnäbler. Die Attraktivität des Wasservogelreservates für Brut-und Rastvögel wird gezielt durch Biotopschutzmaßnahmen gefördert. Die Beweidung bewahrt die Flächen vor Verschilfung und Verbuschung. Die Teiche wurden umge­staltet, die Uferlinien durch Buchten und Halbinseln verlän­gert und Brutinseln durch Aufschüttung neu geschaffen.

Amphibienparadies Wallnau

Wechselkröte

Noch vor ca. 100 Jahren war die Insel Fehmarn von un­zähligen Fröschen, Molchen, Kröten und Unken bevölkert. Nahezu jede Mergelkuhle war von einer oder mehreren Arten besiedelt. Mit der Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung begann die großräumige Zerstörung dieser Le­bensräume, so dass die Vorkommen der Amphibien heute nur noch auf wenige Rückzugsräume beschränkt sind. Aufgrund des engen Nebeneinanders einer großen Zahl an Kleingewässern, Teichen, Feuchtwiesen, zeitweilig über­schwemmten Niederungsbereichen und Gehölzstrukturen gehört das Naturschutzgebiet Wallnau deshalb zu den be­deutsamsten Amphibienlebensräumen auf Fehmarn.

Strandwall

Stranddiestel

Strandwälle entstehen durch Umlagerung von Material im küstennahen Bereich. Liefergebiete sind weiter nörd­lich gelegene Steilküsten oder Sand­bänke. Im Laufe von über 700 Jahren haben küstennahe Strömungen das sandig, grobkiesige Material oder Geröll abgebrochen, nach Süden transportiert und hier zu einer kilometerlangen, teilweise weit gefächerten Staffel von Strandwällen aufgeschüttet. Die typischen Kleindünen oberhalb der Brandungszone entwickelten sich erst später durch Sandaufwehung. Strandbiotope gehören zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen Schleswig-Holsteins. Naturbelassene Strände gibt es nur noch im Bereich von Naturschutzgebieten. Die emp­findliche Pflanzenwelt verträgt kaum Störungen. Typische Brutvögel der Strände wie Zwergseeschwalbe oder Sandregenpfeifer aber auch die Kreuzkröte fühlen sich nur an vollstän­dig gesperrten Stränden wohl genug, um hier zu brüten bzw. zu laichen. Rücksichtsvolles Verhalten und Beachtung bestehender Betretungsverbote tragen zum Erhalt dieser einzigartigen Küstenlandschaft bei!

Leben im Grenzbereich

Meerkohl

Der Strandwall ist ein extremer Lebensraum, den nur spezialisierte Tier-und Pflanzenarten besiedeln können:

  • In den nährstoffreichen Spülsäumen finden einjährige, salztolerante Pflanzen wie Strand-Melde, Kali-Salzkraut, Meerkohl und Meersenf ansprechende Keim- und Wachstumsbedingungen. Aufgrund der Störung durch Tritt können die Pflanzen nur im abgezäunten Bereich des Strandwalles leben.
  • Oberhalb des Geröllstrandes beginnt das „Strandhaferland“. Der Strandhafer ist nur mäßig salztolerant. Zusam­men mit dem Wind ist dieses Süßgras wichtigster Baumeister der Weißdünen. Auf dem Strandwall kann die Dünenbildung erst ab einer Höhe einsetzen, die vom auflaufenden Ost­seewasser nur selten erreicht wird.
  • Weiter landeinwärts lässt die stetige Übersandung der Dünen nach. Die Böden sind hier stärker ausgewaschen, typische Arten der Trockenrasen und Küstenheiden siedeln sich an. Die Weißdüne entwickelt sich zur Graudüne. Bei Ansiedlung von Zwergsträuchern oder Gehölzen spricht man von einer Braundüne.
  • Der Ostseestrand ist Lebensraum für eine Vielzahl wirbelloser Tierarten wie z.B. Fliegen und Käfer, aber auch für Brutvögel wie z.B. Sandregenpfeifer oder Zwergseeschwalbe. Beide Vogel­arten brüten ausschließlich auf locker bewachsenen Sand-, Kies- und Geröllflächen des Strandes. Da Eier und Jungvögel farblich hervorragend getarnt und die „Nester“ nur flache Mulden im Sand sind, werden sie von Strandbesuchern oft unbemerkt zertreten. Von der Zwergseeschwalbe gibt es an der Ostseeküste Schleswig-Hol­steins heute nur noch knapp über 100 Brutpaare, die fast ausschließlich in Schutzgebieten brüten. Nur bei strik­ter Beachtung des Betretungsver­botes kann ihr einzigartiger Lebens­raum auch künftig erhalten werden.

LIFE-BaltCoast

Im Naturschutzgebiet Wallnau werden Maßnahmen zur Verbesserung und Wiederherstellung von Lagunen- und Küstenwiesenkomplexen umgesetzt. Die Steuerung der Wasserstände mithilfe eines Schöpfwerkes, die Beweidung sowie die Neuanlage von Laichgewässern erfolgen in Zusammenarbeit mit dem von der EU teilfinanzierten „LIFE-BaltCoast-Projektes“, das von verschiedenen Or­ganisationen im gesamten Ostseeraum durchgeführt wird.